Die Illusion von damals
Mythos
- hochgeladen von Danijel Okic
Sie lässt mich einfach nicht los. Ich kann sie zwar in Schach halten – mich mäßigen –, jedoch kehre ich letzten Endes doch immer wieder zu meinem Problemverhalten zurück. Um Punkt 05:00 Uhr laufe ich von meiner Wohnung in Wetzelsdorf Richtung Eggenberg los. Ich bin süchtig – immer noch.
Der sanfte Regen ist über die letzte Nacht abgeklungen: Es riecht angenehm, Straßenverkehr ist kaum vorhanden. Ich bewege mich langsam nach vorne, mal gehe ich, dann laufe ich wieder. Meinen seit über drei Monaten stark angeschwollenen Schleimbeutel auf der rechten Ferse spüre ich bei jedem Übersteigen. Jedoch ist der Schmerzgrad eher niedrig, was ich insgesamt als sehr positives Zeichen interpretiere. Heilung: Es ist ein langfristiger Prozess – alles.
Gedanken beginnen wieder in meinem Kopf zu kreisen. Auch am gestrigen Tag habe ich wieder vielerlei Erkenntnisse erschlossen. Meine Freunde: Sie dienten doch nur als Ablenkung von den wahrlich wichtigen Lebensaufgaben. Wann immer ich mit ihnen gesprochen hatte, dachte ich nicht an die Erledigung der Genannten: Freundschaft, Arbeit und Liebe.
Der Kontakt – die Sucht – sollte mir eine Ausrede geben, nichts zu tun. Ich konnte gemütlich in meinem Bett verharren, während meine besten Jahre an mir vorbeizogen. Alles war perfekt inszeniert: Wäre das und das nicht passiert – der Unfall sowie der Lockdown–, so hätte ich doch dieses und jenes vollbracht. Die freudsche Opfermentalität lässt grüßen: Ich habe den Ereignissen jene Bedeutungen gegeben, die mir für die Erreichung meiner Ziele am gelegensten gekommen sind.
Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr erkenne ich sie als das, was sie ist: eine Illusion – der Mythos der Suchterkrankung. Auch heute noch rede ich mir in manchen – oft als schwierig erfahrenen – Augenblicken ein, wie schön damals doch alles gewesen ist: Wie sehr ich mir doch mein altes Leben zurück wünsche. Wie anstrengend mein jetziges – nüchternes – Leben doch ist. Und letztendlich: Wie gerne ich ihn noch einmal anrufen und beim Lauschen seiner süßen Stimme in einen tiefen, nie mehr endenden Schlaf fallen würde.
Die Illusion ist die Vergangenheit. Besser gesagt: Die Geschichte, die ich mir über diese erzähle. Ich erkenne nun eine klare Linie: Auch wenn ich es mir oft einzureden versuche, so war damals doch nicht alles besser. Ich hatte die Lügen satt, war unzufrieden, wenn ich in den Spiegel sah. Unter anderem habe ich 2022 doch gerade deshalb beschlossen, mein Leben zu ändern – den Kontakt mit ihnen abzubrechen –, weil es mich angekotzt hat. Ich wollte nicht länger in Stagnation verharren – wollte mich nicht mehr den Ausreden hingeben.
Ich werde mir der Realität wieder bewusst. Ich erkenne, dass ich doch jetzt mein Traumleben lebe: Ich mache das, was meinem Lebenssinn entspricht: einen Unterschied, Tag für Tag. Meine gegenwärtige Lebenserfahrung kann nicht mehr besser werden, ich habe alles in mir, was ich für ein glückliches Leben benötige – hatte es immer. Ich brauche sie – Drogen – nicht mehr. Meine Freunde haben ihren Dienst erfüllt.
Nach Ende des Laufes verspüre ich nichts als Glück und Freude. Ich habe nun endlich einen der Schlüssel – eine Antidote – gegen die Erfahrung des Nihilismus gefunden: Dieser lautet Akzeptanz. Ich akzeptiere es nun so, wie es ist: In seiner Gänze, in seiner Dualität, das Positive sowie das Negative.
Das Leben: Es ist einfach. Und ich bin es auch.
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