Droge boomt
Kokain laut Experten in der "Mitte der Gesellschaft angekommen"
- In Österreich stiegen die Sicherstellungen von Kokain zuletzt. (Symbolbild)
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Während bei mehreren Drogenarten die Sicherstellungen 2024 zurückgingen, verzeichneten die Behörden bei Kokain einen deutlichen Anstieg. Im Gespräch mit MeinBezirk sieht Suchtexperte Oliver Scheibenbogen die Droge längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen – mit erheblichen gesundheitlichen Risiken.
ÖSTERREICH. Die Entwicklung der Suchtmittelkriminalität in Österreich zeigt im Jahr 2024 ein differenziertes Bild. Wie aus dem Lagebericht vom Bundesinnenministerium (BMI) hervorgeht, lagen die größten Sicherstellungsmengen weiterhin bei Cannabisprodukten. Rund 2,5 Tonnen wurden beschlagnahmt. Diese Menge liegt in etwa auf dem Niveau der Vorjahre, allerdings mit einem leichten Rückgang gegenüber 2023. Auch bei Amphetamin, XTC und Heroin gingen die Mengen deutlich zurück.
Anders stellt sich die Lage bei Kokain dar: Hier stiegen die Sicherstellungen um rund 259 Kilogramm, was einem Plus von mehr als 68 Prozent entspricht. Auch bei Methamphetamin wurden steigende Mengen registriert. Man weist allerdings darauf hin, dass einzelne Großaufgriffe die Statistik eines Jahres stark beeinflussen können. So floss 2024 eine Sicherstellung von mehr als 130 Kilogramm Kokain maßgeblich in die Zahlen ein.
Europaweiter Trend bei Kokain
Der Anstieg bei Kokain sei kein isoliertes österreichisches Phänomen. Laut Europol zeigen sich europaweit steigende Sicherstellungszahlen, was unter anderem mit einem historischen Höchststand der weltweiten Kokainproduktion zusammenhängt. Der deutliche Rückgang bei Heroin wird hingegen international mit dem massiven Einbruch der Anbauflächen in Afghanistan erklärt.
- Beschlagnahmte Drogen sowie Bargeld, die am 21. März 2025 im Rahmen einer Aktion gegen den internationalen Suchtgifthandel in Wien sichergestellt wurden.
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Im Großhandel bewegten sich die Preise 2024 auf hohem Niveau: Ein Kilogramm Kokain kostete durchschnittlich rund 44.000 Euro. Zum Vergleich: die Kosten bei Heroin lag etwa 25.000 Euro, ein Kilo Cannabis kostete durchschnittlich rund 3.300 Euro.
Kokain "spiegelt Zeitgeist wider"
Für Oliver Scheibenbogen, Gesundheitspsychologe am Wiener Anton-Proksch-Institut, erklärt sich der Kokainboom nicht allein durch Marktmechanismen. Zwar sei Kokain heute günstiger und deutlich reiner als noch vor einigen Jahren, "das alleine erklärt aber nicht vollständig den Anstieg", betont er im Gespräch mit MeinBezirk. Entscheidend sei vielmehr der gesellschaftliche Wandel.
Die Droge sei "in der Mitte der Gesellschaft angekommen da es den Zeitgeist widerspiegelt". Kokain werde zunehmend zur Leistungs- und Stimmungsregulation genutzt. "Der Hunger nach rascher Leistungssteigerung im Sinne eines Dopings führt dazu, dass auch Leistungsträger, die beruflich sehr engagiert sind, die Substanz konsumieren", so Scheibenbogen. Das weiße Pulver werde damit längst nicht mehr nur im Partyumfeld konsumiert, sondern sei für manche ein scheinbar funktionales Mittel zur Selbstoptimierung.
Hohes Abhängigkeitspotenzial
Medizinisch gilt Kokain als besonders riskant. Scheibenbogen warnt vor einem ausgeprägten psychischen Abhängigkeitspotenzial: "Das euphorische Gefühl ist bei den ersten Einnahmen sehr stark, nimmt aber durch die Toleranz relativ schnell ab." Was bleibe, seien zunehmend negative Effekte: "Nach kurzer Zeit wird Kokain nur mehr genommen, um aus dem negativen Gefühl herauszukommen."
- Für Oliver Scheibenbogen, Gesundheitspsychologe am Wiener Anton-Proksch-Institut, erklärt sich der Kokainboom nicht allein durch Marktmechanismen. (Archiv)
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Typische Folgen seien Depressionen, Angstzustände und Persönlichkeitsveränderungen. Besonders problematisch sei die sogenannte postkokainistische Depression. "Freud- und Interesselosigkeit, mangelnder Antrieb bis hin zu Suizidgedanken kennzeichnen diese Phase", erklärt der Experte. Betroffene fielen "in ein großes dunkles Loch, aus dem es scheinbar kein Herauskommen gibt".
Ambulantes Angebot wird erweitert
Hinzu kommen erhebliche körperliche Risiken. Kokain wirkt kardiotoxisch, verengt die Herzgefäße und kann bis hin zu einem Herzinfarkt führen. Bei chronischem Konsum treten zudem schwere Schäden der Nasenschleimhaut auf.
Angesichts der steigenden Zahlen reagiert auch das Hilfesystem. In der Ambulanz des Anton-Proksch-Institut in der Wiedner Hauptstraße 150 wird das bestehende Angebot erweitert. Ab Februar startet ein spezielles Programm für Menschen mit Kokainabhängigkeit. Geplant sind Gruppen- und Einzelinterventionen, medizinische Unterstützung bei Entzugserscheinungen sowie psychiatrische Begleitung.
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