Gefragte Frau
"Ein Blicks durchs Fenster der Gehörlosenwelt"

Mit ihrem Forschungsprojekt "Semiotische Repertoires und Sprachgebrauch gehörloser Migrant:innen in Österreich" bekommt Julia Gspandl am 22. Juni den Theodor-Körner-Preis verliehen. | Foto: Konstantinov
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  • Mit ihrem Forschungsprojekt "Semiotische Repertoires und Sprachgebrauch gehörloser Migrant:innen in Österreich" bekommt Julia Gspandl am 22. Juni den Theodor-Körner-Preis verliehen.
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Mit ihrer Forschung widmet sich die Sozioliguistin Julia Gspandl einem Nischenthema, das zur Inklusion gehörloser Migrantinnen und Migranten in Österreich beiträgt. Über diese ausgezeichnete Arbeit hat MeinBezirk.at mit ihr gesprochen.

GRAZ. Julia Gespandl ist Gebärdensprachforscherin, denn schon im Studium hat sie sich im Besonderen für Minderheitensprachen und Mehrsprachigkeit interessiert. Neben ihrer externen Arbeit mit leicht verständlicher Sprache widmet sie sich an der Uni Graz einem Forschungsfeld, dem international bisher nur sehr wenig Beachtung zukam. Seit 2020 arbeitet die 28-jährige Grazerin an ihrer Dissertation, in der sie den Sprachgebrauch gehörloser nach Österreich migrierten Personen untersucht. Für diese Arbeit bekommt die Forscherin am 22. Juni den Theodor-Körner-Preis verliehen, der wissenschaftliche und künstlerische work-in-progess-Arbeiten auszeichnet und fördert. 
Am Grazer Institut für Sprachwissenschaft ergänzt sie die Lehre zudem um ein Seminar zur Soziolinguistik für Gebärdensprache.

  • Wie sind Sie Ihrem Fachgebiet Gebärdensprache von Migrantinnen und Migranten gekommen?

Julia Gspandl:  Bis zum Master habe ich mich eigentlich mit Kinderspracherwerb beschäftigt, auch weil ich am Rosenberggürtel in der Gehörlosenschule gearbeitet habe. Und bei meiner Masterprüfung bin ich dann von meinem Zweitprüfer rekrutiert worden und habe angefangen beim "treffpunkt sprachen" der Uni Graz zu arbeiten. Bei der Beschäftigung mit Minderheitensprachen hier vor Ort, hat sich dann der Wunsch ergeben, etwas zu erforschen, das wir bisher in Österreich und auch international viel zu wenig haben. 

Die Soziolinguistin Julia Gspandl an ihrem Arbeitsplatz im "treffpunkt sprachen", Zentrum für Sprache, Plurilingualismus und Fachdidaktik der Uni Graz. Hier zeigt sie die Gebärde für "gut". | Foto: Konstantinov
  • Die Soziolinguistin Julia Gspandl an ihrem Arbeitsplatz im "treffpunkt sprachen", Zentrum für Sprache, Plurilingualismus und Fachdidaktik der Uni Graz. Hier zeigt sie die Gebärde für "gut".
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  • Wie gestaltet sich Ihre Forschung zu mehrsprachigen Gehörlosen in Österreich?

Grundsätzlich gibt es auf der Welt ja unterschiedliche Gebärdensprachen. Wenn gehörlose Menschen nun nach Österreich kommen, treffen sie auf eine neue gesprochene bzw. geschriebene Sprache und zusätzlich auf eine neue Gebärdensprache. Das ist eine schwierige Situation.
In unserer Forschung wollten wir herausfinden: Wie kommunizieren gehörlose Migranten und Migrantinnen in Österreich einerseits tatsächlich in der Praxis? Und andererseits interessieren uns auch Aspekte hinsichtlich des Spracherwerbs und der linguistischen Phänomene, die man dabei beobachten kann.
Dazu haben wir zwölf Interviews zwischen einer Gebärdensprach-Muttersprachlerin und migrantischen gehörlosen Personen durchgeführt, die aus beiden Perspektiven gefilmt wurden, um später analysieren zu können, welche Kommunikationsstrategien werden angewendet. Und das Ziel des Ganzen ist, dass wir dann am Ende schauen können, welcher Sprachhintergrund zu welcher Art von Kommunikationsstrategien, Fähigkeiten und Gebärdenstilen führt. 

  • Wie funktionieren solche Kommunikationsstrategien zum Beispiel?

Das spannende an der Kommunikation gehörloser Migrantinnen und Migranten ist, obwohl sie eine andere Gebärdensprache sprechen als die österreichischen Gehörlosen, dass da sehr viel erfolgreich verwendet wird. Das heißt, dass die Personen sich trotz unterschiedlicher Sprachen verstehen. Dafür benutzen sie zum Beispiel Mundbilder, Fingeralphabete oder sie zeigen auf Sachen. Man kann auch Vermischungen von unterschiedlichen Gebärdensprachen erkennen, mit denen sich die beiden Gesprächspartner dann ein gemeinsames Verständnis schaffen.

Mit dem Theodor-Körner-Preis wird Julia Gspandl für ihr Gebärdensprachforschung ausgezeichnet und erhält eine Personenförderung von 5000€, um das Projekt erfolgreich abschließen zu können. | Foto: Konstantiov
  • Mit dem Theodor-Körner-Preis wird Julia Gspandl für ihr Gebärdensprachforschung ausgezeichnet und erhält eine Personenförderung von 5000€, um das Projekt erfolgreich abschließen zu können.
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  • Wo werden die Ergebnisse Ihrer Forschung später Anwendung finden?

Einerseits zeigt sich daraus, welches Umfeld man für gehörlose Kinder schaffen kann, um ihnen bestmögliche Voraussetzungen in Bezug auf den Spracherwerb und die Kommunikation im Erwachsenenalter zu geben. Und andererseits ist das natürlich interessant für alle, die mit gehörlosen Migrantinnen und Migranten arbeiten und vor Fragen stehen wie: Was tut man, wie kommuniziert man, wie hilft man ihnen?

  • Wie blicken Sie auf den migrationspolitischen Umgang mit gehörlosen migrierten Personen in Österreich? 

Es gibt generell ein Problem mit Bewusstsein. Die meisten Leute in Österreich, da zählen Politikerinnen und Politiker dazu, wissen oft gar nicht, dass es verschiedene Gebärdensprachen gibt. Sie wissen meistens generell sehr wenig über die sprachliche und soziale Situation dieser Menschen und welches sprachliche Potenzial sie auch mit sich bringen. Es wird auch viel gut gemacht in Österreich, gerade in Graz. Wir haben die Gehörlosenschule hier in Graz, Lehrpersonen, die gebärden können, wir haben die Gehörlosen-Ambulanz. Also einerseits kann man sagen, wir sind auf einem guten Weg, andererseits kommt es natürlich trotzdem vor, dass mir Leute erzählen, sie waren auf dem Amt oder beim Arzt – während Corona zum Beispiel – und die haben sich dort geweigert, die Maske abzunehmen, haben aber auch nicht gebärden können und die Person ist da gesessen und hat nichts verstanden. Das sind Situationen, die nicht passieren dürfen. Die Personen brauchen einen Dolmetscher oder eine Dolmetscherin, die im Idealfall Erfahrungen mit gehörlosen Migrantinnen und Migranten hat. 


Weil die Doktorantin so vielseitig interessiert ist, arbeitet sie derzeit außerdem bei capito, einem Social Business, wo sie zuletzt eine Studie zur Vereinbarkeit von gendergerechter und leichter Sprache gemacht hat.
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  • Weil die Doktorantin so vielseitig interessiert ist, arbeitet sie derzeit außerdem bei capito, einem Social Business, wo sie zuletzt eine Studie zur Vereinbarkeit von gendergerechter und leichter Sprache gemacht hat.
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  • Was lernen Sie persönlich aus Ihrer Forschung?

Die Gehörlosen-Welt ist eine andere Welt und es ist schön, wenn man da quasi ein bisschen zum Fenster reinschauen und die Kultur kennenlernen kann, das Miteinander, das gemeinsame Gefühl, das Leute teilen, die gehörlos sind und Erfahrungen mit schwierigen kommunikativen Situationen gemacht haben. Wenn eine österreichische gehörlose Person auf eine gehörlose Person aus einem anderen Land trifft, ist da direkt eine Gleichheit, ein Verständnis da. Auch wenn die Person gerade erst hergezogen ist, entsteht direkt eine Gemeinschaft. Das ist etwas Besonderes. Das zeigt uns, das Herkunft und Sprache häufig nur Konstrukte sind, die wir selbst erfinden. Ich glaube von dieser Offenheit und Verbundenheit kann man sich auf jeden Fall was abschauen. 

  • Und was nehmen Sie aus dem Forschungsprojekt für Ihre weitere wissenschaftliche Arbeit mit?

Was natürlich im Kern der Gebärdensprache steckt ist, dass es so viele verschiedene Arten gibt, wie man etwas verständlich machen kann. Das zeigt, dass Kommunikation über die klassischen Grenzen von Sprache hinausgeht und eigentlich viel mehr ist. Man sieht dabei, dass wir in der Linguistik bisher viel zu eng waren und man Sprache eigentlich als großes Ganzes, als viel vielschichtigere Kommunikation sehen muss als bisher angenommen.

Gebärden bestehen aus fließenden Bewegungen und lassen sich nur schwer als Standbild darstellen. Hier ein Ausschnitt, wie Julia Gspandl ihren Namen gebärdet. | Foto: Konstantinov
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Zur Person: Julia Gspandl

Die 28-jährige Grazerin lehrt und promoviert derzeit an der Karl-Franzens-Universität in Graz. Mit ihrer Disseratation zum Sprachgebrauch migratischer gehörloser Personen, die nach Österreich kommen, wird sie noch voraussichtlich bis Anfang 2024 beschäftigt sein. Über ihre Auszeichnung mit dem Theodor-Körner-Preis freut sich Julia Gspandl enorm, denn sie sieht auch: "Gerade als Frau rechnet man mitunter mit manchen Erfolgen gar nicht." Diese externe Bestätigung schätz sie daher sehr, denn es sei ihr "hyperbewusst", dass sie mit der nächsten Karrierestufe und dem Doktortitel dann nur noch eine von sehr wenigen Frauen in der Forschung sein wird. 

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